Die Entwicklung des Sexualverhaltens

6. Die Entwicklung des Sexualverhaltens


Im ersten Teil dieses Buches wurde gezeigt, dass die anatomischen Unterschiede von Mann und Frau, ihre sexuelle Reaktion und die Fähigkeit zur Fortpflanzung nicht plötzlich und gleichzeitig entstehen, sondern dass sie Ergebnis einer allmählichen Entwicklung sind. Es wurde auch erklärt, dass diese Entwicklung auf verschiedenen Stufen beeinträchtigt werden kann. Chromosomale oder hormonale Anomalien können zum Beispiel das normale Wachstum des Fötus stören; das kann dazu führen, dass ein Kind geboren wird, dessen geschlechtliche Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Aber auch Kinder, die ohne sexuelle Fehlbildungen geboren werden, entwickeln unter Umständen später nicht das typische Erscheinungsbild eines erwachsenen Menschen, wenn ihnen infolge von Verletzungen oder Krankheit Gonadenhormone fehlen. In diesem Fall bleiben auch ihre sexuellen Fähigkeiten eher begrenzt, und sie werden natürlich niemals eigene Kinder haben. Schließlich gibt es auch Erwachsene, die unfruchtbar sind, obwohl ihre Entwicklung sonst normal verlaufen ist.


Was für das körperliche Wachstum gilt, trifft auch auf die Entwicklung des Sexualverhaltens beim Menschen zu. Maskulines und feminines Verhalten, die Bevorzugung bestimmter Sexualpartner oder bestimmter Formen des Sexualverhaltens werden nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt ein für alle Male festgelegt, sondern entwickeln sich nach und nach. Das Ergebnis dieses Prozesses ist nicht so sehr von angeborenen Eigenschaften eines Kindes abhängig, sondern vor allem von sozialen Einflüssen, wie zum Beispiel von den Reaktionen der Eltern, Lehrer, Spielkameraden und Freunde. Diese Einflüsse können unter Umständen ausgesprochen negativ sein. Wenn zum Beispiel ein sehr kleiner Junge ständig wie ein Mädchen behandelt wird, wird er sich selbst als weiblich begreifen lernen. Diese frühe Rollenzuweisung ist dann eines Tages nicht mehr rückgängig zu machen und kann zu lebenslangen Schwierigkeiten führen. Selbst Jungen und Mädchen, die sich mit der ihnen gemäßen sexuellen Rolle identifizieren, können später traumatische Erlebnisse haben, die sie daran hindern, ihre sexuellen Möglichkeiten auszuleben und die sie in enge Verhaltensmuster problematischen Sexualverhaltens pressen. Schließlich gibt es viele Erwachsene, die trotz eines normalen Entwicklungsverlaufs gehemmt oder sexuell funktionsgestört sind.


Die Erkenntnis, dass das erwachsene menschliche Sexualverhalten Ergebnis eines langen, komplizierten und oft risikoreichen Entwicklungsprozesses ist, ist relativ neu. Bis zum Beginn unseres Jahrhunderts glaubte man, das Sexuelle „verstehe sich von selbst", das heißt, es sei einfach angeboren. Die meisten Menschen nahmen an, dass einige Zeit nach der Pubertät sexuelles Verlangen und sexuelle Aktivität „natürlich" beim männlichen und beim weiblichen Geschlecht entstünden und dass die sozialen Bedingungen dabei keine Rolle spielten. Sexualität galt als „Naturkraft", die plötzlich auftaucht und dann, ganz von selbst, ihren „natürlichen" Ausdruck findet. Die Gesellschaft konnte diese Kraft zwar unterdrücken, war jedoch an ihrer Ausformung oder individuellen Prägung nicht beteiligt. Erste Zweifel an dieser traditionellen Vorstellung wurden von Sigmund


Freud (1856-1939) und seinen Schülern geäußert. Während seiner Tätigkeit als Arzt hatte er viele Patienten getroffen, die unter „Hysterie" litten, das heißt, an einer schweren Behinderung, wie Lähmung oder Blindheit, für die eine körperliche Ursache nicht festgestellt werden konnte. In lang dauernden Gesprächen mit diesen Menschen stellte Freud fest, dass ihre Behinderung mit schmerzlichen, belastenden Kindheitserfahrungen in Beziehung stand. Er stellte außerdem fest, dass diese frühen Erfahrungen, die dem Patienten meist nicht mehr bewusst waren, sexueller Natur waren. Schließlich stellte er fest, dass die geheimnisvollen Behinderungen verschwanden, wenn solche frühkindlichen Erinnerungen einmal wieder ins Bewusstsein gerufen und von den Patienten verstanden worden waren.


Auf der Grundlage dieser Befunde entwickelte Freud im Laufe der Zeit die psychoanalytische Theorie, die seitdem einen großen Einfluss auf das europäische und amerikanische Denken gewann. Als er seine Theorie allerdings das erste Mal vorstellte, wurde sie von der Öffentlichkeit mit Entsetzen kommentiert. Man hielt es für vollkommen unvorstellbar, dass eine längst vergessene Kindheitserfahrung irgendeinen wesentlichen Einfluss auf das Leben Erwachsener haben könnte, und man geriet außer sich bei der Vorstellung, dass derartige Erfahrungen sexueller Natur sein könnten. Kinder galten als „unschuldig" und „von Natur aus" unfähig zu sexuellen Gefühlen und Reaktionen. Für Freud stellte dagegen die Sexualität von Kindern - und sogar von Säuglingen — eine unbestreitbare Tatsache größter Wichtigkeit dar.


Nach psychoanalytischer Vorstellung gibt es in jedem Menschen einen grundlegenden sexuellen Instinkt oder Trieb, der von Geburt an vorhanden ist. Dieser Trieb, der nach sinnlicher Lust und Befriedigung strebt, ist zunächst unspezifisch und erhält seine endgültige Richtung erst im Verlauf eines „psychosexuellen Reifungsprozesses". Säuglinge streben zunächst nach unmittelbarer und uneingeschränkter Triebbefriedigung, bis sie im Zuge sozialer Lernprozesse ihre triebhaften Bedürfnisse zu modifizieren und zu kontrollieren lernen. Menschliche Sexualität entfaltet sich also unter dem Einfluss zweier entgegengesetzter Kräfte: dem „Lustprinzip" und dem „Realitätsprinzip". Die Entwicklung der Persönlichkeit eines Kindes kann also auch beschrieben werden als Ergebnis des Widerspruchs zwischen biologischem Trieb und kultureller Unterdrückung. Diese Entwicklung vollzieht sich in drei Abschnitten, die sich parallel zur körperlichen Reifung des Kindes vollziehen: von der oralen Phase über die anale Phase zur phallischen Phase,


In der oralen Phase (von lat. os: der Mund) wird Lust vor allem über den Mund erlebt. An der Brust der Mutter zu saugen, bedeutet für ein Kind nicht nur Ernährung, sondern auch körperliche und psychische Befriedigung. In dieser Phase dient der Mund auch als Organ, mit dem die Welt erforscht werden kann. Das Kind nimmt alles in den Mund, um es genauer kennenzulernen. Die Welt „in sich aufzunehmen", ist der erste Schritt, sie zu erfahren und zu meistern.


In der darauf folgenden, analen Phase (von lat. anus: der Darmausgang) verschiebt sich die hauptsächliche Quelle sinnlicher Befriedigung vom Mund in die Analregion. Das Kind beginnt nun, seine Ausscheidungsvorgänge zu kontrollieren, es gewinnt gleichzeitig Kontrolle über die Erwachsenen, da es ihnen jetzt nach Belieben gefallen oder missfallen kann, indem es seinen Stuhlgang zurückhält oder nicht. Gleichzeitig lernt das Kind, Zuneigung zu gewähren oder nicht, ja oder nein zu sagen, also die Welt dadurch zu bewältigen, dass es sich verweigert oder sich hingibt.


Auf die orale und die anale Phase, die bei beiden Geschlechtern ungefähr gleich verlaufen, und die sich etwa über die ersten drei Lebensjahre erstrecken, folgt die phallische (infantil-genitale) Phase (von griech, phallos: der Penis). In dieser Phase entwickelt sich das Bewusstsein für das eigene Geschlecht, den Unterschied zwischen den Geschlechtern und die männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane. Für den Lustgewinn entscheidende Körperzonen sind nicht länger Mund und Anus, sondern Penis (bei Jungen) und Klitoris (bei Mädchen). In dieser Phase entwickeln Kinder ihre Neugier für die Umgebung, nehmen Dinge in die Hand, zerlegen ihr Spielzeug in seine Einzelteile, um hineinzusehen, oder untersuchen den eigenen Körper oder den anderer Kinder. Der wichtigste Aspekt in dieser Phase ist die Entwicklung des sogenannten „Ödipus-Komplexes", das heißt die enge erotische Beziehung zu dem Elternteil des anderen Geschlechts, und ein Gefühl der Rivalität gegenüber dem Elternteil des eigenen Geschlechts. (Der Begriff „Ödipus-Komplex" spielt auf den legendären griechischen König Ödipus an, der unwissentlich seinen Vater tötete und seine Mutter heiratete.) So ist es für einen vierjährigen Jungen beispielsweise ganz normal, in seine Mutter sehr verliebt zu sein. Sie ist für ihn die einzige Frau, die er kennt und die er kennen will. Diese Frau hat allerdings schon einen Mann - den Vater. Der Junge ist deshalb auf ihn eifersüchtig und möchte ihn beiseite schieben, um seine Position einzunehmen. Dieses Bedürfnis wird gewöhnlich ganz offen und spontan ausgesprochen, wie zum Beispiel, wenn der Junge zu seiner Mutter in das Bett klettert und dabei erklärt: „Wenn ich groß bin, heirate ich dich." Diese Situation kann mit der des Ödipus verglichen werden, wenngleich es natürlich einen entscheidenden Unterschied gibt: Ödipus verdrängte tatsächlich seinen Vater von der Seite seiner Mutter, und er heiratete sie wirklich. Die normale Entwicklung eines Kindes nimmt einen anderen Verlauf. Der Junge ersetzt den Wunsch, seine Mutter zu heiraten, durch den Wunsch, eine Frau „wie seine Mutter" zu heiraten, er ersetzt seinen Wunsch, den Platz des Vaters einzunehmen, durch den Entschluss, „wie sein Vater" zu werden. Dies wird dem Jungen um so leichter, wenn der Vater ein positives Vorbild ist und er seinen Sohn darin unterstützt, ein Mann zu werden. Gleichzeitig muss die Mutter ihm vermitteln, dass sie sich schon entschieden hat und als sexuelles Objekt nicht mehr zur Verfügung steht. Eine solche Einstellung der Eltern wird dem Jungen dazu verhelfen, dass er seine sexuelle Erfüllung an anderer Stelle sucht. (Bei Mädchen nimmt die Entwicklung einen anderen, aber entsprechenden Verlauf: Sie liebt ihren Vater und ist eifersüchtig auf ihre Mutter. Der entsprechende psychoanalytische Begriff heißt „Elektra-Komplex", nach Elektra, einer legendären griechischen Prinzessin, die nach dem Tod ihres geliebten Vaters bei der Tötung ihrer Mutter half, die diesen ermordet hatte. Es soll allerdings nicht unerwähnt bleiben, dass der Begriff des Elektra-Komplexes von Schülern Freuds entwickelt wurde, nicht von Freud selbst, der ihm nicht zustimmte.)


Freud ging davon aus, dass ein Kind sich normalerweise von der oralen über die anale zur phallischen Phase weiterentwickelt, es sei denn, negative Einflüsse störten diese Entwicklung. Wenn zum Beispiel die besonderen Bedürfnisse des Kindes in einer dieser Phasen zu wenig oder zu sehr befriedigt würden, könne ein Kind „fixiert" und so in seiner psychosexuellen Entwicklung behindert werden. Eine zu restriktive oder zu nachsichtige Sauberkeitserziehung könnte zum Beispiel zu einer analen Fixierung führen. Als Erwachsener würde man ein solches Kind dann als „analen Charakter" bezeichnen, das heißt als jemanden, für den Disziplin, Ordnung und Sauberkeit besondere Werte darstellen, der geizig ist oder der anale Stimulierung jeder anderen Form des Geschlechtsverkehrs vorzieht. Ein „oraler Charakter" andererseits würde sexuelle Befriedigung vor allem in oralen Reizen suchen, oder er könnte ein übertriebener Esser, Raucher oder Trinker werden.


Kinder, die diese Phasen ohne Fixierungen durchlaufen haben, erreichen ihre „genitale Reife". Das bedeutet, nachdem sie durch die sogenannte Latenzphase gegangen sind - in der ihre sexuellen Interessen im großen und ganzen unausgedrückt bleiben -, wird ihre Sexualität während der Pubertät erneut geweckt und verlangt nach Befriedigung durch genitalen Geschlechts-


verkehr. Orale und anale Stimulierungen können nach wie vor in einem gewissen Ausmaß gesucht werden, aber diese Formen des Geschlechtsverkehrs treten hinter dem Koitus zurück, der bei Erwachsenen die einzige wirklich „reife" Form sexueller Betätigung ist.


Wie man aus dieser kurzen und oberflächlichen Darstellung des Freudschen Konzeptes menschlicher Sexualität ersehen kann, umfasst es einen außerordentlich weiten Bereich. Es werden hiervon auch Reaktionen und Handlungen erfasst, die vor Freud als ausgesprochen nicht-sexuell galten. Selbst heute wird es manchem schwerfallen, den sexuellen Bedeutungsgehalt im Trinken eines Säuglings oder im zwanghaften Essen eines Erwachsenen zu sehen. Viele Wissenschaftler stellen daher die psychoanalytische Theorie nach wie vor in Frage. Anthropologen schließen beispielsweise aus dem Studium verschiedener primitiver Kulturen, dass der Ödipus-Konflikt nicht eine allgemein menschliche Erfahrung sein muss. Sozialpsychologen haben ernsthafte Zweifel geäußert, ob es einen angeborenen Sexualtrieb überhaupt gibt. Viele Verhaltenswissenschaftler und Lerntheoretiker schließlich halten dafür, dass die Freudsche Theorie unnötig kompliziert sei und dass es einfachere (und also auch überzeugendere) Erklärungen für menschliches Verhalten gibt. Daneben bleibt die Tatsache bestehen, dass diese Theorie niemals in ausreichendem Maß wissenschaftlich geprüft wurde, um sie zu beweisen oder zu verwerfen.


Man kann daher die Freudsche Theorie nicht einfach als Dogma akzeptieren, sondern muss sie im kulturellen Gesamtzusammenhang seiner Zeit untersuchen und beurteilen. Eine solche kritische Auseinandersetzung kann möglicherweise auch zu einem besseren Verständnis unserer eigenen, von Freud stark beeinflussten Kultur führen. Freud war einer der hervorragendsten und konsequentesten Denker seiner Zeit. Er war daneben ein großer Schriftsteller, und seine Werke ermöglichen wichtige Einblicke nicht nur in die Phänomene menschlicher Sexualität, sondern auch in Geschichte und Wesen der westlichen Kultur,


Einige der Schüler Freuds sind allerdings seiner kritischen Denkart nicht gefolgt, sondern haben statt dessen aus der Freudschen Theorie ein praktisches Werkzeug für soziale Kontrolle gemacht. Die befreienden Ansätze des psychoanalytischen Denkens wurden so in der Folge oft in ihr Gegenteil verkehrt. Diese Tendenz hat sich vor allem in den USA gezeigt, wo einige der Hypothesen Freuds - im klaren Widerspruch zu seinen eigenen Absichten - dazu verwandt wurden, um die Verfolgung und Unterdrückung sexueller Minderheiten zu rechtfertigen. (Vgl. a. Kap. 10 „Anpassung und Abweichung" und Kap. 12 „Die sexuell Unterdrückten").


Im Rahmen des vorliegenden Buches können die verschiedenen psychoanalytischen Schulen und selbst Freuds eigene Theorie nicht im einzelnen diskutiert werden. Andererseits hat die Erfahrung auch gelehrt, dass diese Theorie keinesfalls vereinfacht oder populärwissenschaftlich dargestellt werden sollte, weil die Gefahr ernster Missverständnisse groß ist. Viele Begriffe Freuds haben natürlich seit langem Eingang in unserer Alltagssprache gefunden. So können wir über den „Ödipus-Komplex" und über „das Unbewusste" in Zeitungen und Zeitschriften lesen, wir hören von „Freudschen Fehlleistungen", vom „Ich", vom „Über-Ich", von „Libido" und „Sublimation" in Filmen, im Radio und im Fernsehen. Aber wenn diese Wörter aus ihrem theoretischen Zusammenhang herausgelöst werden, können sie eben erhebliche Verwirrung stiften.


Inzwischen ist es allerdings gut möglich, die Entwicklung des Sexualverhaltens ohne Bezug auf psychoanalytische Konzepte zu beschreiben. Die neuere empirische Sexualforschung hat viel neues Material darüber zusammengetragen, wie die Menschen lernen, sich so zu verhalten, wie sie es tun. Auch die statistische Häufigkeit bestimmter Verhaltensweisen ist heute eher bekannt als früher. Dies hat dazu geführt, dass viele traditionelle Annahmen über die „Natur" der menschlichen Sexualität revidiert werden mussten. Im Ergebnis können wir heute das Thema unter ganz neuen Gesichtspunkten analysieren.


In den fünfziger Jahren veröffentlichten Kinsey und seine Mitarbeiter vom Institut for Sex Research in Bloomington (Indiana, USA) zwei große Studien zum menschlichen Sexualverhalten, die auf der persönlichen Befragung Tausender von Probanden aller Altersgruppen und sozialer Schichten beruhten. Früher hatten sich derartige Untersuchungen immer auf relativ kleine Gruppen von Patienten oder von Sexualverbrechern bezogen, die Dimensionen „normaler" Sexualität waren deshalb weitgehend unbekannt. Kinseys Arbeiten vermittelten die ersten zuverlässigen statistischen Daten über das Verhalten von gesunden, durchschnittlichen Männern und Frauen.


Ungefähr gleichzeitig schrieben Clellan S. Ford und Frank A. Beach, ein Anthropologe und ein Psychologe, eine vergleichende Studie, in der sexuelle Verhaltensweisen von 191 verschiedenen Gesellschaftsformen verglichen wurden. J. Money von der Johns-Hopkins-Universität und seine Kollegen führten in neuerer Zeit wichtige Forschungsarbeiten über sexuelle Fehlbildungen und Probleme der Geschlechtsidentität durch. Masters und Johnson von der Reproductive Biology Research Foundation in St. Louis (Missouri, USA) führten darüber hinaus ausführliche wissenschaftliche Untersuchungen über die menschlichen Sexualfunktionen und ihre Störungen durch. (Vgl. Literaturangaben am Ende des Buches.)


Trotz grundlegender Verschiedenheit im Ansatz bestätigen diese Studien zumindest einige Ergebnisse der Freudschen Theorie. So geht man beispielsweise heute generell davon aus, dass das Sexualverhalten beim Menschen nicht „von Natur aus" festgelegt ist, sondern dass es von sozialen Bedingungen und sozialen Lernprozessen abhängt. Heute besteht auch kein Zweifel mehr darüber, dass Kinder zu sexuellen Reaktionen fähig sind und dass bestimmte frühe Kindheitserlebnisse einen entscheidenden Einfluss auf die spätere sexuelle Entwicklung eines Menschen haben können.


Es ist aber weniger klar denn je, was mit „sozialen Bedingungen" oder „sozialen Lernprozessen" (sozialer „Konditionierung") genau gemeint ist, Freud war in erster Linie Arzt, sein Ziel war es hauptsächlich, bestimmten Patienten zu helfen. Für ihn und seine Schüler konnten deshalb sexuelle Erfahrungen in der Kindheit relativ klar definiert werden als positiv oder negativ im Hinblick auf ein bestimmtes Kriterium: sie waren positiv, wenn sie die „genitale Reife" eines Menschen förderten, sie waren negativ, wenn sie sie behinderten. Sexualverhalten wurde also in den Dimensionen „Reife - Unreife", „Gesundheit - Krankheit" und „Norm - Abweichung" beschrieben.


Inzwischen ist die Sexualforschung hier vorsichtiger geworden. Man hat inzwischen erkannt, dass sexuelle Normen je nach Zeit und Ort erheblich verschieden sein können und dass Begriffe wie „Reife" oder „Gesundheit" bezogen auf menschliches Verhalten, eher Werturteile als Tatsachenbehauptungen sind. Zur Zeit Freuds ging man davon aus, dass sexuelle Gesundheit und Reife sich in einer monogamen Ehe mit dem Ziel der Zeugung von Kindern äußerten. Sexualität, Liebe, Ehe und Fortpflanzung wurden aus diesem Grunde als untrennbar angesehen. Sexuelle Handlungen ohne irgendwelche „gesellschaftlich wertvollen" Ziele wurden negativ eingeschätzt: Sexualität ohne Liebe (Masturbation und Prostitution), Sexualität ohne Ehe (vorehelicher und außerehelicher Geschlechtsverkehr), Sexualität ohne Fortpflanzung (sexuelle Spiele von Kindern, Sexualität nach der Menopause, Homosexualität). Heute wissen wir, dass dieses besondere Wertsystem keine allgemeine Gültigkeit besitzt und dass es lediglich in einem bestimmten historischen Zeitabschnitt für das Bürgertum typisch war. Mittelalterliche Bauern oder Feudalherren lebten in einem ganz anderen Wertsystem, dasselbe gilt für die traditionellen afrikanischen und asiatischen Kulturen. In unserer eigenen Gesellschaft kann man heute feststellen, dass immer mehr Menschen sich von dem tradierten Denken lösen und neue moralische Werte suchen. Wir müssen daher sehr vorsichtig sein, wenn es darum geht, zu einer neuen Definition von spezifischen Zielen, Normen und Werten für das Sexualverhalten zu kommen. Dabei sind wir in erster Linie dazu verpflichtet, es einfach zu verstehen, Wir brauchen deshalb zunächst eine objektive Beschreibung und dürfen uns nicht schon durch die Wortwahl ideologisch festlegen.


Objektivität ist jedoch nicht die einzige Bedingung. Die Beschreibung muss auch klar und unmissverständlich sein, und schon darin liegt eine schwierige Aufgabe. Nirgends ist die Verwirrung in der Terminologie größer als im Bereich menschlicher Sexualität. Genaugenommen beginnt die Verwirrung bereits bei der bloßen Definition.


Wir wissen, dass das Wort „Sex" sich auf den Unterschied und die gegenseitige Anziehung von männlichem und weiblichem Geschlecht bezieht, aber die Ausmaße dieser Unterschiede und die Art der Anziehung sind noch sehr umstritten. Die moderne Forschung hat allerdings dazu beigetragen, den Sachverhalt zu klären, und sie hat besonders in Untersuchungen zur Kindesentwicklung wertvolle Hinweise erzielt. So wurde zum Beispiel beobachtet, dass hermaphroditische Kinder, sowohl als Jungen wie auch als Mädchen erzogen werden können, und dass sie dabei schließlich alle „typischen" männlichen und weiblichen Eigenschaften entwickeln, einschließlich der Wahl des Geschlechtspartners. Auch Kinder, deren Geschlecht bei der Geburt falsch bestimmt worden ist, lernen es, sich mit der zugewiesenen Geschlechterrolle zu identifizieren. Diese Identifikation ist nach einer bestimmten Zeit endgültig, wenn also der Irrtum später entdeckt wird, kann er nicht mehr rückgängig gemacht werden. Von einem bestimmten Lebensalter an wird ein Junge, der als Mädchen erzogen wurde, sich auch weiterhin als weiblich erleben, und er wird sich in den meisten Fällen sexuell vom männlichen Geschlecht angezogen fühlen, während ein Mädchen, das als Junge erzogen wurde, sich weiterhin als männlich begreifen wird und in den meisten Fällen sich vom weiblichen Geschlecht angezogen fühlt. Wenn also „Sex" etwas mit dem Unterschied zwischen männlich und weiblich zu tun hat, dann ist die „sexuelle" Entwicklung eines Menschen unter mindestens drei Aspekten zu sehen;


1. Die männlichen oder weiblichen Merkmale des Körpers (biologisches Geschlecht).


2. Die männliche oder weibliche soziale Rolle (Geschlechtsrolle).


3. Die Vorliebe für männliche oder weibliche Geschlechtspartner (sexuelle Orientierung).


Man kann einige Verwirrung vermeiden, wenn man diese drei Aspekte der menschlichen Sexualität voneinander getrennt betrachtet; es erscheint daher sinnvoll, die folgenden Definitionen festzuhalten:


Das biologische Geschlecht


Das biologische Geschlecht ist definiert als Männlichkeit oder Weiblichkeit eines Menschen. Es wird auf der Grundlage von fünf körperlichen Kriterien bestimmt: chromosomales Geschlecht, gonadales Geschlecht, hormonales Geschlecht, innere und äußere Geschlechtsorgane.


Menschen sind in dem Maße männlich oder weiblich, in dem sie die körperlichen Kriterien für Männlichkeit oder Weiblichkeit erfüllen.


Die meisten Menschen sind nach allen fünf Kriterien eindeutig männlich oder weiblich.


Eine Minderheit lässt sich jedoch nicht eindeutig zuordnen, ihr biologisches Geschlecht ist daher nicht eindeutig zu bestimmen (Hermaphroditismus).

Geschlechtsrolle


Die Geschlechtsrolle ist definiert als Maskulinität oder Feminität eines Menschen. Sie wird auf der Grundlage bestimmter psychischer Eigenschaften bestimmt, die bei einem Geschlecht gefördert, beim anderen unterdrückt werden.


Menschen sind in dem Maße maskulin oder feminin, in dem sie mit ihrer Geschlechtsrolle übereinstimmen.


Die meisten Menschen übernehmen die ihrem biologischen Geschlecht entsprechende Geschlechtsrolle.


Eine Minderheit steht jedoch mit ihrer Geschlechtsrolle im Widerspruch zu ihrem biologischen Geschlecht (Transvestismus), bei einer noch kleineren Minderheit findet ein vollständiger Rollentausch statt (Transsexualität).


Die sexuelle Orientierung


Die sexuelle Orientierung ist definiert als Heterosexualität oder Homosexualität eines Menschen. Sie wird auf der Grundlage der Vorliebe für sexuelle Partner bestimmt.


Menschen sind in dem Maße heterosexuell oder homosexuell, in dem sie von Partnern des anderen oder des gleichen Geschlechts angezogen werden.


Die meisten Menschen entwickeln eine deutliche Bevorzugung von Partnern des anderen Geschlechts (Heterosexualität).


Eine Minderheit fühlt sich jedoch von beiden Geschlechtern angezogen (Ambisexualität), eine noch kleinere Minderheit wird hauptsächlich von Partnern des eigenen Geschlechts angezogen (Homosexualität).


Es ist wichtig festzustellen, dass nicht nur das biologische Geschlecht, sondern auch die Geschlechtsrolle und die sexuelle Orientierung in den verschiedensten Zwischenstufen vorkommen können und dass alle drei Eigenschaften unabhängig voneinander variieren können. Die folgenden Beispiele - die sich alle auf biologisch männliche Menschen beziehen - sollen dies verdeutlichen:


• Männlich - maskulin - heterosexuell


Ein Mensch mit männlichem Geschlecht nimmt gewöhnlich eine maskuline Geschlechtsrolle an und entwickelt eine heterosexuelle Orientierung. Dieser Mensch stimmt dann mit unserer Vorstellung vom „typischen" Mann überein.


• Männlich - maskulin — homosexuell


Ein Mensch mit männlichem Geschlecht, der eine maskuline Geschlechtsrolle übernommen hat, kann auch eine homosexuelle Orientierung entwickeln. Dieser Mensch unterscheidet sich möglicherweise in keinem Punkt von anderen „typischen" Männern bis auf einen: die Wahl des Sexualpartners.


• Männlich - feminin - heterosexuell


Ein Mensch mit männlichem Geschlecht kann eine weibliche Geschlechtsrolle annehmen. Ein solcher Mensch kann vieles versuchen (einschließlich einer Operation zur „Geschlechtsumwandlung"), um seinen Körper mit seinem femininen Selbstbild in Einklang zu bringen. Würde sich dieser Mensch erotisch zu Männern hingezogen fühlen, muss er natürlich als heterosexuell betrachtet werden.


• Männlich - feminin - homosexuell


Ein Mensch mit männlichem Geschlecht kann eine weibliche Geschlechtsrolle übernehmen und alles versuchen, um seinen Körper mit seinem femininen Selbstverständnis in Einklang zu bringen. Wenn dieser Mensch sich dann erotisch zum weiblichen Geschlecht hingezogen fühlt, kann man seine sexuelle Orientierung nur als homosexuell bezeichnen. Natürlich stellen die beiden letzten Beispiele eher Extremfälle dar, und man


sollte sich auch daran erinnern, dass selbst dort, wo ein Mann sich mit einer weiblichen Geschlechtsrolle identifiziert, diese Identifikation nicht vollständig sein muss. Er kann diese Rolle unter Umständen nur gelegentlich oder nur teilweise annehmen und sich selbst vielleicht gar nicht ausgesprochen weiblich fühlen. Er nimmt unter Umständen nur ein gewisses weibliches Betragen an, zieht es dann vor, Frauenkleider zu tragen oder einen „Frauenberuf" zu ergreifen. Es sei auch darauf hingewiesen, dass in jedem dieser Fälle die sexuelle Orientierung heterosexuell, ambisexuell oder homosexuell sein kann. Die vier genannten Beispiele haben also nicht das Ziel, neue Normen, Klassifikationen oder Klischees einzuführen. Sie sollen lediglich das weite Spektrum und die erstaunliche Vielfalt menschlichen Lebens verdeutlichen. Dabei darf nie vergessen werden, dass jeder einzelne Mensch einmalig ist, dass wenig Menschen in eine präzise sexuelle Kategorie eingeordnet werden können und dass es zahllose Zwischenstufen und Varianten gibt.


Schon die Unterscheidung zwischen biologischem Geschlecht, Geschlechtsrolle und sexueller Orientierung kann dazu beitragen, übereilte Beurteilungen und unberechtigte Verallgemeinerungen zu vermeiden. Sie kann uns beispielsweise vor Augen halten, dass nicht jeder „effeminierte" Mann auch homosexuell ist und nicht alle Homosexuellen „effeminiert" sind. Sie verdeutlicht auch, warum jemand Schwierigkeiten haben kann, sich als „richtigen Mann" zu begreifen, obwohl er sehr wohl weiß, dass er männlichen Geschlechts ist. Und schließlich zeigt sie uns die Reichweite und die Grenzen einer „Geschlechtsumwandlung".


Mit dem Verständnis der Bedeutung sozialer Lernprozesse für die männliche und weibliche Entwicklung ist der erste Schritt zum besseren Verständnis der Entwicklung „sexuellen" Verhaltens vollzogen. Darüber hinaus kann jedoch eine weitere sinnvolle Unterscheidung vorgenommen werden. Bis hierher wurde das Wort „sexuelle Orientierung" ganz allgemein benutzt, um eine Bevorzugung männlicher oder weiblicher Partner zu bezeichnen. Die meisten Menschen wissen jedoch, dass erotische Bevorzugungen meist wesentlich spezifischer sind. Ein „typischer" Mann fühlt sich beispielsweise nicht von allen Frauen angezogen, sondern nur von solchen eines bestimmten Alters, einer bestimmten Größe, mit bestimmtem Gewicht, bestimmter Haarfarbe und so fort. Er bevorzugt unter Umständen nicht nur eine bestimmte Art Frau, sondern auch eine bestimmte Art des Geschlechtsverkehrs unter bestimmten Bedingungen. Diese besonderen Vorlieben im Rahmen der sexuellen Orientierung eines Menschen werden am besten als persönliche sexuelle Interessen bezeichnet. Auch sie sind das Ergebnis von Lernprozessen,


Menschen werden natürlich mit der Fähigkeit zur Reaktion auf viele Arten sinnlicher Reize geboren. Wir wissen, dass Erektionen des Penis, das Feuchtwerden der Scheide, muskuläre Kontraktionen und rhythmische Bewegungen des Beckens bereits bei ganz kleinen Kindern beobachtet werden können. Das heißt, niemand muss die körperlichen Reaktionen lernen, die zum Orgasmus führen. Aber jeder lernt, unter welchen besonderen Umständen diese Reaktionen ausgelöst werden können. Kinder lernen von Anfang an, positiv auf bestimmte Reize und negativ auf andere zu reagieren. Als Ergebnis persönlicher Erfahrungen entwickeln sie dann ihre eigenen Verhaltensmuster. In ähnlicher Weise lernen - wie bereits erwähnt - Menschen, maskulin oder feminin, heterosexuell oder homosexuell zu sein. Sie lernen zu masturbieren, Koitus zu haben, sich in ihrer Sexualität glücklich oder schuldig zu fühlen. Sie lernen, ältere oder jüngere Partner zu bevorzugen, blonde oder braunhaarige, Europäer, Afrikaner oder Asiaten. Manche Menschen entwickeln eine starke Bindung an einen bestimmten Partner und sind fast unfähig, auf andere Personen zu reagieren; andere wiederum wechseln ihre Partner häufig. Manche lieben in ihren erotischen Techniken die Abwechslung; andere bleiben ihr Leben lang bei einer einzigen Technik. Manche Menschen brauchen vollkommene Abgeschiedenheit, um sexuell reagieren zu können; andere empfinden es als sehr reizvoll, sich beobachtet zu fühlen. Es gibt Menschen, deren sexuelle Annäherungen leidenschaftlich, rücksichtslos oder sogar brutal ist; andere bevorzugen ein zärtliches, langsames und bedächtiges Vorgehen. Manche Menschen bevorzugen es sogar, alleine zu masturbieren, statt Geschlechtsverkehr zu haben, wieder andere suchen sexuellen Kontakt zu Tieren.


Da diese und andere persönlichen sexuellen Interessen, Entscheidungen und Bevorzugungen durch Lernprozesse erworben werden, erscheinen sie den Betroffenen natürlich, vernünftig und vielleicht sogar unausweichlich. Auch Verhalten, das für die meisten Menschen unerhört, phantastisch, unverständlich oder absurd erscheint, kann für einen bestimmten Menschen sehr sinnvoll und vernünftig sein, weil er eben bestimmte Lernerfahrungen gemacht hat. Ein Mann, der beim Anblick eines Holzpferdes sexuell erregt wird, drückt damit vielleicht ein frühes Erlebnis aus, bei dem sexuelle Lust mit einem Karussell zusammenhing. Sein Verhalten wäre dann nicht schwieriger zu erklären als das eines anderen Mannes, den es erregt, eine Striptease-Show zu sehen. Die letztere Reaktion hat vielleicht gegenüber der ersteren gewisse Vorteile, beide geben aber keinen Anlass zu gesellschaftlicher Besorgnis. Trotzdem sind offenbar viele Menschen der Auffassung, es gäbe immer nur einen richtigen Weg, etwas zu tun. Sie finden die unendliche Vielfalt menschlichen Sexualverhaltens keineswegs erfreulich, sondern sehen hierin einen klaren Widerspruch zu ihrem Bedürfnis nach Stabilität und Ordnung. Solche Menschen laufen dann auch Gefahr, ihre eigenen Vorlieben als gültige Normen hinzustellen und jeden zu verurteilen, der diesen nicht zustimmt.


Andererseits ist es selbstverständlich, dass jede Gesellschaft das Recht hat, sich gegen sexuelle Handlungen zur Wehr zu setzen, die Gewalt beinhalten oder vor unfreiwilligen Zeugen stattfinden. Diese Handlungen mögen für die Person, die sie ausführt, befriedigend sein, aber da sie ganz offensichtlich die Grundrechte anderer verletzen, sind sie gesellschaftlich nicht akzeptabel. Traditionsgemäß werden solche Handlungen als ernste Verbrechen behandelt und entsprechend bestraft. Erst in neuerer Zeit besteht zunehmend die Tendenz, solche Handlungen eher als Symptome von geistiger Krankheit zu interpretieren. Im 19. Jahrhundert begannen Psychiater, vor Gericht die Ansicht zu vertreten, dass bestimmte Sexualtäter nicht ins Gefängnis, sondern in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen werden sollten, dass man sie also nicht bestrafen, sondern behandeln sollte. Um diese Argumentation zu stützen .wurden zahllose Versuche unternommen, sexuelle Handlungen als normal oder abnorm, gesund oder krank zu klassifizieren. Der bekannteste dieser Versuche ist der von Richard von Krafft-Ebing, einem Wiener Psychiater. In seinem Buch „Psychopathia sexualis" (1886) veröffentlichte er eine lange Liste angeblich pathologischer sexueller Interessen, die er mit einer großen Zahl bunter Bezeichnungen belegte. Viele andere Psychiater sind seither seinem Beispiel gefolgt. Die Liste ist länger geworden, und die Fachwörter werden immer merkwürdiger. Leider beschränken sich solche Listen meist nicht auf gesellschaftlich schädliche Handlungen, sondern sie umfassen viele Verhaltensweisen, die nur selten, unkonventionell oder bei den Autoren nicht beliebt waren. In Wirklichkeit sind Studien über „Sexualpsychopathologie" bis zum heutigen Tage kaum mehr gewesen als moralische Traktate in wissenschaftlicher Verkleidung. Sie sind als historische Dokumente wichtig, die die sexuellen Normen und moralischen Zwangsvorstellungen einer bestimmten Zeit widerspiegeln. (Vgl. a. Kap. 10 „Anpassung und Abweichung".)


Trotzdem ist nicht zu leugnen, dass manche Menschen Verhaltensweisen entwickeln, die nicht einmal für sie selbst annehmbar sind. Ein Mensch kann zum Beispiel feststellen, dass seine sexuellen Handlungen anderen schaden, er


aber größte Schwierigkeiten hat, sich zu kontrollieren. In anderen Fällen mag ein solches Zwang ausübendes Verhalten nicht unbedingt gesellschaftlich schädlich sein, aber es schafft auf alle Fälle ein Gefühl der Hilflosigkeit bei den Betroffenen und wird deshalb zumindest als störend empfunden. Es gibt auch Männer und Frauen, die bei jeder Art sexueller Handlung Schuldgefühle und Hemmungen entwickeln, andere sind so stark gehemmt, dass ihre sexuellen Reaktionen verkümmern.


Es ist wohl nicht ungerecht, all diese Menschen als sexuell gestört zu bezeichnen. Damit ist gemeint, dass ihre persönlichen Lernerfahrungen sie unfähig zu voller sexueller Kommunikation gemacht haben. Sie wurden entweder für die Bedürfnisse anderer unempfänglich oder unfähig, diese zu erfüllen. Sie können ihren Geschlechtspartner nicht als ganze Person erleben und ihr eigenes Verlangen nicht verschiedenen Umständen und Situationen anpassen. Sie scheinen dazu verurteilt, immer die gleichen frustrierenden und selbstzerstörerischen Handlungen zu wiederholen. Das heißt, es gelingt ihnen nicht, sich in dem Umfang körperlich und emotional zu befriedigen, in dem es den meisten Menschen möglich ist. (Eine ausführliche Diskussion dieser Probleme findet sich in Kap. 8 „Sexuelle Störungen".) Auf den folgenden Seiten wird der gegenwärtige Wissensstand hinsichtlich der „normalen" Entwicklung des menschlichen Sexualverhaltens von der Kindheit bis ins Alter zusammengefasst. Natürlich kann eine solche Zusammenfassung nicht all die unzähligen Faktoren berücksichtigen, die diese Entwicklung beeinflussen können. Einige Beispiele müssen hier genügen. Zusätzliche Informationen zu diesem Thema sind im dritten Teil des Buches („Sexualität und Gesellschaft") zu finden.


 

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