Die Bedeutung der Hormone

1.2 Die Bedeutung der Hormone


Die gesunde anatomische und physiologische Entwicklung von Mann und Frau sowie die Fähigkeit zur Fortpflanzung werden von bestimmten Drüsen gesteuert. Die wissenschaftliche Erforschung dieser Drüsen und der durch sie produzierten Stoffe ist noch nicht abgeschlossen, und vieles ist noch nicht abschließend geklärt.


Einige der auffälligeren Drüsen (wie die der Mundhöhle, der Haut oder der weiblichen Brust), die ihre Sekrete (Speichel, Schweiß, Milch) durch Ausführungsgänge an die Oberfläche führen, sind den Menschen seit langem bekannt. Diese Sekrete können einfach entdeckt, verfolgt und gemessen werden, und sie erfüllen eine klare Funktion an einer bestimmten Stelle. Der menschliche Körper verfügt aber auch über Drüsen ohne Ausführungsgänge, die ihre Sekrete unmittelbar in die Blutbahn abgeben. Man nennt diese Drüsen endokrin (von griech. endokrinein: nach innen absondern). Die Sekrete dieser Drüsen, die stimulierend und regulierend auf bestimmte, oft weit entfernte Organe wirken, werden als Hormone bezeichnet (von griech. hormaein: antreiben, erregen). Der menschliche Körper hat eine Reihe verschiedener endokriner Drüsen, die eine Vielzahl von Hormonen mit unterschiedlichen Funktionen produzieren. Der folgende Abschnitt beschränkt sich auf eine Darstellung der Hormone, die auf die menschlichen Sexual- und Fortpflanzungsfunktionen Einfluss nehmen.


Bezogen auf Sexualität und Fortpflanzung sind die wichtigsten endokrinen Drüsen die Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) und die männlichen und weiblichen Keimdrüsen (die Gonaden). Die Hirnanhangsdrüse, die sich unter dem vorderen Teil des Großhirns befindet, spielt eine übergeordnete Rolle, da ihre Hormone andere endokrine Drüsen stimulieren und koordinieren. Von den Hormonen der Hypophyse sind in unserem Zusammenhang das „Follikel-stimulierende Hormon" (FSH) und das „Luteinisierende Hormon" (LH) von besonderem Interesse. Diese Hormone stimulieren die Hormonproduktion in den männlichen und weiblichen Gonaden. (Beim Mann wird LH gewöhnlich als „Zwischenzellen-stimulierendes Hormon" (engl. Abk. ICSH) bezeichnet, da es auf die Zwischenzellen wirkt, die in den Hoden Sexualhormone produzieren.)


Als Keimdrüsen oder Gonaden werden beim männlichen Geschlecht die Hoden, beim weiblichen Geschlecht die Eierstöcke bezeichnet (vgl. a. Kap. 2.1 „Die männlichen Geschlechtsorgane" und Kap. 3.1 ,,Die weiblichen Geschlechtsorgane"). Die von den Keimdrüsen produzierten Hormone werden auch als Gonadenhormone bezeichnet und in bestimmte Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe, die besonders beim männlichen Geschlecht eine Rolle spielt, sind die Androgene. Eine Gruppe, die vor allem beim weiblichen Geschlecht eine Rolle spielt, sind die Östrogene. (Die weiblichen Keimdrüsen produzieren darüber hinaus ein weiteres Hormon, das Progesteron, das für die Fortpflanzungsfunktion eine wesentliche Rolle spielt.) Obwohl im männlichen Körper überwiegend Androgene, im weiblichen Körper überwiegend Östrogene vorhanden sind, sind für jeden Menschen beide Hormongruppen von Bedeutung. Die Gonadenhormone spielen eine wesentliche Rolle beim geschlechtlichen Reifeprozess, sie haben sogar vor der Geburt bereits einen entscheidenden Einfluss.


Wie bereits erwähnt, ist das menschliche Embryo in den ersten Lebenswochen sexuell undifferenziert, und die frühen Anlagen der Gonaden sind in beiden Geschlechtern gleich. Dort, wo die äußeren Geschlechtsorgane sich entwickeln werden, findet sich eine Ausbuchtung (als Hinweis auf das männliche Geschlecht) und eine Einbuchtung (als Hinweis auf das weibliche Geschlecht) . Deutliche Geschlechtsunterschiede treten erst gegen Ende des


zweiten Schwangerschaftsmonats auf. Bei männlichen Embryonen führt die beginnende Produktion des Hormons Testosteron (eines der Androgene) zur schrittweisen Umwandlung des embryonalen Genitalhöckers zum Penis. Der urogenitale Spalt, auf der Unterseite des Penis, schließt sich und bildet eine Röhre: die Harnröhre. Die Gonaden werden jetzt als Hoden erkennbar, und sie senken sich in den letzten Wochen vor der Geburt in den Hodensack ab. Ohne diese vorgeburtliche Einwirkung von Testosteron ist eine normale anatomische Entwicklung beim männlichen Geschlecht nicht möglich.


Bei weiblichen Embryonen benötigt die embryonale Entwicklung keine besonderen Steuerungsmechanismen, da ihre äußeren und inneren Geschlechtsorgane sich sozusagen „von selbst" entwickeln. (In diesem Sinn könnte man daher das weibliche Geschlecht auch als das „fundamentale" oder „ursprüngliche" bezeichnen.) Wenn also eine spezifische Steuerung durch Androgene ausbleibt, verwandeln sich die zunächst undifferenzierten Gonaden in Ovarien. Der Genitalhöcker entwickelt sich zur Klitoris. (Im Vergleich zum Penis bleibt die Klitoris wesentlich kleiner, da sie nicht von Testosteron in ihrem Wachstum beeinflusst wird.) Der Urogenitalspalt bleibt offen und vertieft sich und bildet die kleinen Schamlippen und den Vorhof der Vulva.


In der Zeit zwischen Geburt und Pubertät findet beim Menschen keine wesentliche sexuelle Entwicklung statt. Androgen- und Östrogenspiegel sind niedrig und bei beiden Geschlechtern fast gleich. Ungefähr im Alter von acht Jahren beginnen die Hormonspiegel zu steigen. Im Alter von zehn oder elf Jahren wird dieser Anstieg noch deutlicher, besonders bei Mädchen. Die Hirnanhangsdrüse schüttet große Mengen von FSH und LH (ICSH bei Jungen) aus, die die Sekretion von Gonadenhormonen und die Produktion von Spermien in den Hoden und von Eizellen in den Ovarien steuern. Bei Jungen liegt die Androgenproduktion etwas höher als die Östrogenproduktion, Mädchen haben deutlich höhere Östrogen- als Androgenspiegel. Ergebnis dieser starken hormoneilen Beeinflussung ist die Entwicklung der sekundären Geschlechtsmerkmale. In diesem allgemeinen körperlichen Reifeprozess entwickelt sich auch das Nervensystem weiter. Es werden so die Voraussetzungen für die volle sexuelle Reaktion von Männern und Frauen geschaffen.


In den seltenen Fällen, in denen Jungen oder Mädchen keine oder nur unterentwickelte Gonaden haben, wird hiervon ihre gesamte körperliche Entwicklung beeinträchtigt. Die sexuelle Reaktion bleibt bei ihnen sehr begrenzt, sekundäre Geschlechtsmerkmale bilden sich natürlich nur geringfügig aus. Ein Junge, dessen Hoden sich nicht in den Hodensack absenken oder der vor der Pubertät kastriert wird, behält den Körperbau eines Knaben und hat kein Kehlkopfwachstum, also auch keinen Stimmbruch. Im Europa des 18. Jahrhunderts machten sich Musikfreunde diese Tatsache zunutze und führten für die Oper einen besonderen Stimmklang ein, die Kastratenstimme. Viele Jungen mit vielversprechenden Stimmen wurden kastriert, um ihre klangvolle hohe Stimme zu erhalten. Sie wurden dann einer intensiven musikalischen Schulung unterzogen, als Erwachsene wurden einige von ihnen Sopranisten oder Altisten von überragender Stimmgewalt und Virtuosität, denen ein Leben in Ruhm und Reichtum sicher war. Berühmte Komponisten wie Händel, Gluck und Mozart schrieben in ihren Opern umfangreiche Rollen für Kastraten. Da es diese Stimmen heute nicht mehr gibt, müssen solche Opern für heutige Stimmlagen umgeschrieben oder umbesetzt werden, oder sie werden nicht mehr aufgeführt.


Die Kastration von Erwachsenen hat nicht so deutliche Auswirkungen wie die von Kindern. Dies ist in vielen Ländern Asiens und des mittleren Ostens bekannt, wo in der Vergangenheit erwachsene männliche Sklaven oder Diener kastriert wurden, damit sie als Haremswächter nicht die Frauen ihrer Herren schwängern konnten, (Eine Sterilisation hätte allerdings dafür ausgereicht.) Abgesehen von ihrer Zeugungsunfähigkeit waren diese sogenannten Eunuchen oft körperlich in keiner Weise beeinträchtigt. Unsere heutige Vorstellung von kahlköpfigen und fettwanstigen Eunuchen mit Fistelstimmen ist falsch. Die Gesellschaft des 18. Jahrhunderts hatte eine bemerkenswert realistische Vorstellung von dieser biologischen Tatsache: In Mozarts Oper „Die Entführung aus dem Serail" ist die Rolle des Haremswächters für einen tiefen Bass geschrieben, er wird darüber hinaus als ausgesprochener Lüstling dargestellt. Der Körper eines erwachsenen Menschen kann sich auf einen Mangel an Gonadenhormonen innerhalb weniger Monate einstellen, in manchen Fällen besteht allerdings die Möglichkeit vorzeitigen körperlichen Abbaus. Andererseits ist es heute jedoch möglich, die Folgen einer Kastration durch hormonelle Behandlung fast vollständig zu beheben.


Wie bereits erwähnt, sind noch immer viele Probleme im Zusammenhang der Hormone und ihrer Wirkungen ungelöst. Dennoch hat heute eine immer größere Zahl von Menschen eine allgemeine, wenn auch nicht sehr präzise Vorstellung von diesen Problemen. Man diskutiert Hormoneinflüsse heute schon fast so beiläufig und zwanglos wie eine Diät. Eine ganze Reihe verbreiteter Ansichten über die Bedeutung von Hormonen ist jedoch ausgesprochen verfehlt, besonders wenn es um sie in Verbindung mit Sexualität geht.


Ein Teil dieser Irrtümer hat seinen Ursprung in der Geschichte der Endokrinologie (der Wissenschaft von den endokrinen Drüsen und ihren Sekreten). Zu den ersten Hormonen, die man überhaupt entdeckte, gehörten die aus den Keimdrüsen. Da man aber schon wusste, dass die Keimdrüsen männliche und weibliche Keimzellen produzieren, bezeichnete man die Gonadenhormone ganz einfach auch als die Geschlechtshormone und teilte sie dann in männliche und weibliche Geschlechtshormone ein. Diese schlichte Analogie ist jedoch falsch. Während männliche Geschlechtszellen (Spermien) nur von Männern produziert werden (und mit dem Begriff „männlich" also richtig benannt sind), werden die sogenannten „männlichen" Sexualhormone (Androgene) von beiden Geschlechtern produziert. Entsprechend wird die weibliche Eizelle nur von Frauen produziert (und sie ist also mit dem Begriff „weiblich" charakterisiert), während die sogenannten „weiblichen" Sexualhormone (Östrogene) im männlichen wie im weiblichen Körper eine wichtige Rolle spielen. Die Unterscheidung zwischen „männlichen" und „weiblichen" Sexualhormonen ist daher irreführend. Es ist bedauerlich, dass die Gonadenhormone überhaupt zunächst als „Sexualhormone" bezeichnet wurden, weil das zu der irrigen Vorstellung geführt hat, dass sie das sexuelle Verhalten bestimmten. So sind manche Menschen der Ansicht, dass die Sexualhormone die unmittelbare Ursache für sexuelles Verlangen seien, dass also eine Zunahme dieser Hormone auch zu einer Zunahme des sexuellen Verlangens führe und eine Abnahme der Hormonspiegel den umgekehrten Effekt habe. So ist die Meinung weit verbreitet, man könne die sexuelle Aktivität eines Menschen unterbinden, indem man seine Geschlechtsdrüsen entfernt und ihn damit seiner „Geschlechtshormone" beraubt. In einigen Ländern werden Sittlichkeitsverbrecher kastriert, in der Annahme, dies allein würde ihr Verhalten bereits verändern. Neuere wissenschaftliche Untersuchungen haben jedoch bewiesen, dass bei einem erwachsenen Mann die Entfernung oder der Verlust der Hoden nicht unbedingt sofort einen Einfluss auf seine sexuelle Leistungsfähigkeit hat. (Er wird natürlich zeugungsunfähig. Das gilt auch für die Frau, deren Eierstöcke nach der Menopause nicht mehr aktiv sind, deren sexuelle Reaktion dadurch jedoch keineswegs gemindert wird.) Allerdings kann eine zwangsweise Kastration zu erheblichen psychischen Schäden führen, vor allem wenn der Betroffene an die entscheidende Bedeutung der Gonaden glaubt. Auf diesem indirekten Weg kann es dann tatsächlich zu einer erheblichen Beeinträchtigung des sexuellen Leistungsvermögens kommen. Der Mangel an Androgenen allein bedeutet jedoch keinesfalls notwendig auch den Verlust sexueller Interessen. Oft ist die Häufigkeit sexueller Aktivität herabgesetzt, entscheidende Veränderungen treten jedoch unter Umständen erst Jahre später zutage.


Die breite Öffentlichkeit begreift vielfach noch nicht, dass beim Menschen die Fähigkeit zur Fortpflanzung und zur sexuellen Betätigung zwei verschiedene Dinge sind. Während die Keimdrüsen für die Fortpflanzung unerlässlich sind, sind sie dies nicht unbedingt für die sexuelle Reizbarkeit beim Erwachsenen. Das heißt, ohne Geschlechtszellen (Spermien und Eizellen) ist keine Fortpflanzung möglich; sexuelle Aktivität ist jedoch auch ohne die „Geschlechtshormone" (Androgene und Östrogene) sehr wohl möglich.


 

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